Hering statt Hai: 60 Kilo Sonnenschein

Hallgrimur Helgason | aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig | 576 Seiten | Tropen | 25,-- € | E-Book 19,99 €

Hallgrimur Helgason wünscht sich „60 Kilo Sonnenschein“ für seine isländische Heimat

Hlynur, der sich bei Mutti einen Lenz machende Anti-Held in Hallgrimur Helgasons erstem erfolgreichen Roman „101 Reykjavik“ hätte vermutlich keine Stunde im Leben Eilifur Guðmundssons überlebt. Dabei liegen gerade mal 150 Jahre zwischen dem verwöhnten Slackerdasein in Islands Hauptstadt und dem Kätnerelend in dessen ärmlichen Hütte, in einem gottverlassenen Fjord am Ende der Welt, wo Eilifur zu Beginn von Helgasons neuem Roman erst einmal seine Familie aus dem Schnee ausbuddeln muss. Um drei Kilo Mehl zu Weihnachten zu besorgen, war er ausgezogen. Geblieben ist ihm nach diesem unseligen Shoppingtrip nur noch sein zweijähriger Sohn Gestur - und eine jämmerliche Kuh.
Willkommen im fulminant niederschmetternden (und ebenso erhebenden) Epos, in dem der mittlerweile 62-jährige Isländer die grimmige Vergangenheit des heute so beliebten Touristenziels ins Visier nimmt, wo „der Tod hinter jedem Hügel“ lauerte, Menschen mit Haaren auf dem Kopf seit jeher mit Skepsis begegnet und eine besondere Schneeart mit dem schönen Namen „Nachtschimmel“ bedacht wurde.
Wie die erst spät besiedelte Insel den Schritt vom archaischen Hai-Fang hin zu einem schwunghaften Heringshandel machte, diese Zeit beschwört Helgason mit großer Geste und in dramatischen Ereignissen. Dabei waren eher die Norweger die Macher, welche die Isländer ans Licht der Moderne zerrten, meint der Autor, der selbstkritisch über die seinen urteilt, welche selbst als Kirchgänger einen bei der Messe eingeschlafenen Pastor dem Schlummer überlassen: „Wenige Nationen brachten größere Feiglinge hervor als die Isländer, und nie legten sie diesen menschlichen Zug stärker an den Tag, als wenn sich irgendein hohes Tier flachlegte.“
Literarisch, komisch, derb und dann wieder feinfühlig: Wie in einem schockgefrosteten Pendant zu Marquez’ „100 Jahre Einsamkeit“ stellt Helgason erzählerisch prall realistische Härte neben fantastische Ereignisse – nur eben nicht im tropischen Kolumbien, sondern im von Fjorden durchzogenen Norden.


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