Zum Stand der Dinge

Hans Weingartner lässt in „303“ zwei Studenten auf Reisen die ganz großen Themen durchkauen

Roadmovie-Erfahrene wissen: Die Reise an einen bestimmten Ort ist in Filmen immer auch eine Reise hin zu sich selbst. Für den 24-jährigen Politik-Studenten Jan (gerade erfahren, dass er ohne Stipendium auskommen muss) und die gleichaltrige Jule (eben mit Pauken und Trompeten durchs Biochemie-Examen gerasselt) ist der Urlaubstrip mit einem alten Hymer-Camping-Monster nach Portugal genau das: Eine so wort- wie dornenreiche Erkundung ihrer eigenen Überzeugungen und Glaubensgrundsätze. Hier Jan, der nüchterne Realist, der bei der Wahl zwischen Konkurrenz und Kooperation auf Ersteres setzt und zum ersten Mal seinen Vater treffen möchte, der in Spanien lebt. Dort die verletzliche Jule auf dem Weg zu ihrem Freund, um ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Sie stöhnt genervt: „Die ganze Zeit Kampf und Wettbewerb!“ Dicke Bretter bohren die beiden in der Diskussion um Verschwörungstheorien, die Natur des Menschen und vor allem den Stand der Liebe, und zoffen sich nach wenigen Kilometern schon so sehr, dass Jan aus dem Camper fliegt.

Hans Weingartner kennt natürlich seinen Linklater. Als Produktionsassistent war er sogar am Dreh von „Before Sunrise“ beteiligt, diesem sich später auf zwei Folgen ausweitenden Redemarathon über Gott und die Welt. Die magische verquatschte Wiener Nacht des ersten Teils hat Weingartner zu einem mehrtägigen 2.600-Kilometer-Trip von Berlin bis an die portugiesische Atlantikküste ausgedehnt – und Linklaters mittlerweile schon 23 Jahre alte Dialog-Schlacht aufs Hier und Heute angepasst. Dafür braucht es natürlich Geduld, denn außer Fahren, Reden und hin und wieder Streiten, geschieht nicht sonderlich viel. Was den Film trotzdem durch seine mutig bemessenen 145 Minuten trägt, sind neben den unbekümmert frechen Dialogen, von Weingartner über Jahre hinweg dem Leben abgelauscht und in einem Notizbuch gesammelt, die enorm natürlich wirkenden Hauptdarsteller Anton Spieker und Mala Emde. Wie seinerzeit Julie Delpy und Ethan Hawke gelingt ihnen mit behutsamer Regieführung das feine Spiel zwischen Angriff und Verteidigung, Harmonie und Dissonanz bis hin zu ihrem Reiseziel – und darüber hinaus.
Dialog-Schlacht im Wohnmobil

303
D 2018
R: Hans Weingartner
D: Mala Emde, Anton Spieker, Thomas Schmuckert
S: 12. Juli
www.alamodefilm.de

Statement des Regisseurs Hans Weingartner:
„Es gibt nichts, was politischer ist, als die Liebe und nichts Radikaleres, als sich hundertprozentig auf einen anderen Menschen einzulassen. Das, was Jan und Jule reden, das wollte ich verbreiten, und das ist natürlich hochpolitisch.“


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