Wirft ordentlich Schatten

Nachbarn außer Rand und Band im isländischen Drama „Under the tree“

Im „World Happiness Report“ liegen nur noch Norwegen, Dänemark und Finnland vor Island. Insofern muss es sich in Hafsteinn Gunnar Sigurðssons Film um sehr un-isländische Isländer handeln. Oder es ist halt das alte Wikingerblut, das hier langsam zum Sieden kommt in dieser in zwei Strängen erzählten Familienfehde: Einmal ist da Atli, der von seiner Frau beim Kucken eines Sexvideos mit seiner Ex erwischt wird und daheim rausfliegt – aber doch nicht ohne seine kleine Tochter sein will. Wieder bei seinen Eltern eingezogen, wird Atli dort Zeuge (und später auch Opfer) der anderen hässlichen Geschichte, bei der ausgerechnet ein unschuldiger Baum zu viel Unschönem führt. Denn das Gewächs im Garten seiner Eltern Inga und Baldvin in einem Vorort Reykjavíks ist den Nachbarn gar zu prächtig und Schatten spendend. Als Bitten nichts hilft, dann erst Reifen aufgestochen werden, obszöne Gartenzwerge auftauchen und schließlich sogar die geliebten Haustiere verschwinden, ist es mit dem Spaß vorbei.
Ganz gemächlich und staubtrocken lässt Sigurðsson die Lage eskalieren und schafft es dabei, nicht nur einen grotesken Nachbarschaftsstreit plausibel über die Stränge schlagen zu lassen. Musikalisch untypisch mit gedämpften Klaviertönen und düsteren Chorpassagen unterlegt, gelingt es ihm vor allem auch zu zeigen, woher diese dünne Haut der sich bekriegenden Nachbarspartien kommt: Hier Eltern, die den Verlust ihres älteren, mutmaßlich suizidalen Sohnes nicht verarbeitet haben, dort so verbissen wie vergeblich an einer Schwangerschaft Arbeitende. Trauer und Kummer bahnen sich also einen anderen Weg. Und auch wenn man einiges kommen sieht, hat es im Kino selten so viele „Oh nein“-Momente über verletzte und schwache Menschen gegeben, die wie Vulkane erst grummeln, dann grollen und schließlich ausbrechen. Und mit Vulkanen kennen die Isländer sich ja bekanntlich aus.
Schwarze Tragikomödie aus Island

Under the Tree
IS/DK/PL/D 2017
R: Hafsteinn Gunnar Sigurðsson
D: Steinþór Hróar Steinþórsson, Edda Björgvinsdóttir, Sigurður Sigurjónsson
S: 16. Mai
www.facebook.com/underthetree.derfilm

Statement des Regisseurs Hafsteinn Gunnar Sigurðsson:
„Es gibt viele echte Fälle, wo sich Nachbarschaftskonflikte in Island an Bäumen entzünden – und oft auf unschöne Art außer Kontrolle geraten. Wir haben nämlich nicht viele Bäume bei uns auf der Insel. Und Leute, die große, schöne Bäume besitzen, entwickeln starke emotionale Beziehungen zu ihnen.“


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