Siegfried Rimpler

Die Nummer 9 in der Straße An der Mauer in Ellwangen ist so ein richtiges Stadtmauerhaus. Schmal, hoch und verwinkelt, statt Schießscharten kleine Fenster. Schließlich braucht ein bildender Künstler Licht und keine Verteidigungsbastion. Selbst ein Holzschneider wie Siegfried Rimpler. Der sich im 83. Lebensjahr bewegende Mann lässt sich indes nicht auf Holz und Messer eingrenzen. Als Bildhauer macht er den Besucher über seine Plastiken Staunen. Wo der Gast doch wegen der ins Zirbel- oder Lindenholz geschnittenen Radierungen gekommen ist.

Dieser kauzige Typ mit seinem grauen angedeuteten Irokesenschnitt, der in ein Pferdeschwänzchen endet, ist für jede Überraschung gut. Dass er in dieses Haus, das – „alt und hässlich“ – Vorbild für den Gassenschlager von Bruce Low gewesen sein könnte, passt wie ein Hobbit nach Mittelerde, ist zwar keine Überraschung. Wohl aber die Kunst-Schätze, die es birgt. In jedem Winkel. Hier und dort zieht Siegfried Rimpler großformatige Blätter hervor. Wie seine Plastiken loten sie das Thema Mensch aus. An deren Druck muss man sich erst mal wagen.

Der Mann, der 1935 in Weigsdorf im einstigen Böhmen das Licht der Welt erblickt hat, schafft im Kleinen Großes. Das setzt Beharrlichkeit, Mut und ein Stück weit künstlerische Besessenheit voraus. Ohne diese Tugenden hätte er wohl nicht seinen steinigen Lebensweg nach Ellwangen bewältigt. Denn weder beruflicher Erfolg noch ein glückliches Dasein waren ihm in die Wiege gelegt worden. Zehnjährig erst, wurde er ausgesiedelt. Statt unbeschwerter Kindheit musste er sein Brot mit Zwangsarbeit in der Landwirtschaft verdienen. Sein künstlerisches Talent, das sich schon im Zeichenunterricht in der Grundschule angedeutet hat, kommt in einer Ausbildung zum Holzbildhauer in den Fünfzigerjahren in Görlitz und Cottbus zum Tragen. In dieser Zeit bildet sich Rimpler im Zeichnen und in der Freien Gestaltung weiter. Einerseits liefert er, was an traditioneller Figürlichkeit verlangt und erwartet wird. Darüber hinaus experimentiert er mit formalen Elementen der Radierung, zeichnet und malt. Landschaften und Menschen.

Auf einem Tisch im mit Staffelei, Werkbank, Hammer, Speiteln und anderem Handwerkszeug sowie großen und kleinen Plastiken aus unterschiedlichen Materialien voll gestopften Atelier liegt die farbige realistische Zeichnung eines selbstbewussten Frauenakts. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des betagten Künstlers. Noch weitere Zeichnungen und Holzschnitte verraten eine profunde Kenntnis des weiblichen Körpers. Der Besucher schämt sich ein bisschen. Der Rückschluss vom Alter auf das Schaffen erweist sich als Kurzschluss. Auch ein Siegfried Rimpler war nicht immer alt. Ganz im Gegenteil.
Schon in jungen Jahren hat er sich den Wind der großen weiten Welt um die Nase wehen lassen wie die große Malerin Gabriele Münter, deren Schaffen jetzt im Lenbachhaus in München zu sehen war. Reisen haben ihn nach Portugal, in die Bretagne, nach Dänemark und Schweden geführt. In Skizzenbüchern hat er sie dokumentiert. Mit Notizen und rasch hingeworfenen Zeichnungen. Augen-Blicke zum Verweilen. Der alte Mann hat viel zu erzählen, vom Unterwegssein und vom Innehalten. Sein Beruf hat ihn nach Oberammergau, nach Steinheim in Westfalen, nach Berlin und Heidenheim an der Brenz geführt, bevor er sich 1979 in Ellwangen/Jagst sesshaft gemacht hat. Eine Station hat er beinahe zu erwähnen vergessen. Im Kleinen Walsertal hat er für eine Manufaktur im Akkord kleine Figuren geschnitzt. Im Akkord! Lange her.

Heute verläuft sein Leben in ruhigen Bahnen. Angesichts der stilistischen Vielfalt in seinem Atelier drängt sich die Frage nach Vorbildern förmlich auf. Siegfried Rimpler muss nicht lange überlegen. Er hat keine. Wohl aber schätzt er Georg Baselitz, den man vor allem als Maler kennt, der die Welt von den Füßen auf den Kopf stellt. Und weshalb? „Wegen seiner skurrilen Plastiken.“ Der einstige Bürgerschreck, der früher gerne mit obszönen Darstellungen provoziert hat, bringt seine großen Holzplastiken im Gegensatz zu seinem Verehrer Rimpler mit der Kettensäge in Form. Ernst Barlach nennt er noch und dessen Skulpturen „Der Schwebende“ im Güstrower Dom und in der Antoniterkirche in Köln. Die Grafikerin, Malerin, Bildhauerin und Holzschneiderin Käthe Kollwitz, die 1945 kurz vor Kriegsende gestorben ist? „Natürlich!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Wie konnte der Gast nur fragen.


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