Schlafwandeln für Fortgeschrittene: Namika

Mit dem Megahit „Lieblingsmensch“ stürmte die Frankfurterin vor drei Jahren an die Spitze der Charts. Ihre Großeltern stammen aus der marokkanischen Küstenstadt Nador nach der sie auch ihr Debutalbum benannte. Anfang Juni erscheint dann ihr zweites Album „Que Walou“ das wieder voller toller Songs ist. Wir hatten vorab die Möglichkeit ausführlich mit einer bestens gelaunten Künstlerin über ihr neues Werk zu sprechen.

XAVER: Hallo Namika, die Massen kennen Dich als Namika, in Deinem Pass steht aber der Name Hanan Hamdi. Ist das manchmal auch seltsam, dass Dich heute so viele Leute so ansprechen, oder ist das vielleicht sogar schon ein Spitzname aus Kindertagen?
Namika: Nee, Namika ist einfach mein Künstlername. Und da ich auch meistens als Künstler Interviews gebe, ist das für mich auch ganz selbstverständlich mich da so vorzustellen.

X: Nachdem das Interview recht kurzfristig angekündigt wurde, hab ich Dein neues Album die letzten zwei Tage quasi in Dauerschleife gehört. Und das hat richtig Spaß gemacht, weil‘s so schön vielseitig ist und man Dich jederzeit erkennt. Besonders hängen geblieben ist mir „Alles was zählt, kann man nicht zählen“. Da geht’s natürlich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben, aber Du scheinst schon auch eine gewisse Mathe-Aversion zu haben?
N: (lacht) Ja, das stimmt. Ich kann nicht so gut mit Zahlen!
X: War das in der Schule schon so?
N: Ach, bei mir und Mathe war eigentlich immer das Problem, dass ich in der Oberstufe leider Gottes oft gefehlt habe. Und weil mir inhaltlich dann so viel gefehlt hat, hab ich einfach den Anschluss nicht mehr gefunden. Ich wusste dann gar nicht mehr wann man welche Formel wo richtig einsetzt usw., aber vor der Oberstufe war ich eigentlich ganz gut in Mathe!
X: Ging mir ganz ähnlich. Ich habe zwar selten gefehlt, aber sobald das alles abstrakter wurde, war ich irgendwie raus und hab auch nicht mehr so die sinnvolle Verbindung zum wirklichen Leben gesehen.
N: Ja, genau. Schön dass ich das alles bei meiner Musik so gar nicht brauche (lacht)
X: Na also, alles richtig gemacht. Aber bevor Du mit „Lieblingsmensch“ so völlig durch die Decke gegangen bist, war ja nicht absehbar, dass das eine erfolgreiche Karriere würde; hattest Du einen Plan B?
N: Ich hatte ja mein Abitur gemacht, damit ich dann im Falle des Falles studieren könnte. Und das kann ich ja immer noch irgendwann machen, mich würde dann etwas Musikspezifisches interessieren.

X: Wo wir gerade „Lieblingsmensch“ gestreift haben. Das ist ja schon fast ärgerlich, dass man sich so einen Begriff nicht schützen lassen kann, oder? Ich sehe ständig Produkte auf denen Lieblingsmensch prangt!
N: Nee, so ein Wort ist nicht schützbar. Aber mir ist das natürlich auch aufgefallen und ich find’s eigentlich ganz schön, dass alle jetzt irgendwas mit “Lieblings-…“ machen. Lieblingsladen, Lieblingsessen, Lieblingssong usw.

X: Im „Beipackzettel“ Deines neuen Albums ist zu lesen, dass Du ein zeitloses Album machen wolltest. Sounddetails wie z.B. Autotune verorten aber doch klar auf gerade aktuellen Sound, oder wie war das mit dem zeitlos gemeint?
N: Zeitlos habe ich in dem Fall so gemeint, dass ich keinen aktuellen Trends folge. Nur weil jetzt z.B. im HipHop gerade Trap Musik in ist, muss ich das nicht aufnehmen und Trap machen sondern weiterhin meine Linie fahren und mir, und dem was ich mache, treu bleiben. Trotzdem bediene ich mich der Sachen, die ich gut finde und Autotune fand ich eben schon immer gut. Mich hat Autotune auch schon in meiner Kindheit musikalisch begleitet, weil die Musik in Marokko sehr stark davon geprägt ist – vielleicht waren das sogar die ersten, die Autotune benutzt haben? Das muss so Mitte der 90er gewesen sein.
X: Puuh, ich weiß so gar nichts über die Geschichte von Autotune… mir ist das erstmals bei Chers „Believe“ unangenehm aufgefallen!

X: Zurück zum neuen Album. Du hast da erneut mit den Beatgees gearbeitet – ganz im Sinne von „Never Change A Winning Team“?
N: Hmmm, ich würde das leicht anders „Never Change My Lovely Hearts“ nennen. Die sind toll und auch so unfassbar talentiert und coole Menschen; ich wollte da gar nicht weg.
X: Schön dass Du das auch so entscheiden konntest, es gibt ja wohl auch durchaus Künstler bei denen eher das Management oder Label derartige Entscheidungen fällt…
N: Mir wurden die Beatgees ja damals von meinem Label vorgestellt und angeboten. Wir haben dann ein paar Sessions gemacht und relativ schnell herausgefunden, dass wir sehr gut miteinander können. Das sind mittlerweile ehr so vier Brüder, die ich auf einen Schlag dazubekommen habe!
X: Ich hab gelesen, dass Du Deine Songs selber vorproduzierst, bzw. dass Du eigene Beats machst. D.h. der kreative Prozess passiert schon vorher und Du gehst dann mit fertigen Songs oder sehr konkreten Vorstellungen ins Studio? Oder ist da noch viel kreative Luft?
N: Ich schreibe und produziere meine Sachen soweit vor, aber wenn ich mich dann mit den Jungs in Berlin treffe passiert oft noch sehr viel im Studio. Wir diskutieren dann meine Beatskizzen, schmeißen Textzeilen hin und her bis wir es dann irgendwann gut finden.
X: Und wie ist dann Dein Songwritingprozess? Setzt Du Dich zu fixen Zeiten konzentriert hin mit dem Vorsatz einen Song zu machen, oder ist das so ein stetiger Fluss und Du hältst ständig Ideen mit dem Handy fest?
N: Oh, ich bin ein begeisterter Smartphone-Mensch. Es ist so hilfreich und ein perfekter Allrounder. Ob nun Sachen notieren oder aufnehmen, es ist so superleicht Ideen festzuhalten, ganz egal wo ich gerade bin. Es kann sein, dass ich gerade durch die Stadt laufe und einen Geistesblitz habe und dann kann ich das einfach schnell festhalten. Und irgendwann fügen sich viele kleine Ideen und Notizen zu einer konkreten Songskizze. Mir ist es in der Hochphase der Albumproduktion sogar passiert, dass ich schlafend im Bett lag und mir quasi im Traum eine Zeile eingefallen ist. Dann wurde ich wach und hab die so im Halbschlaf eingetippt und konnte am nächsten Morgen gar nicht so recht fassen, was da abging und wie sehr ich im Schreibmodus war.
X: Wie cool, andere sind Schlafwandler und Du bist schon ein Level weiter und bist selbst da noch prouktiv!

X: Ein sehr schöner Song ist auch „Parkbank“. Diese Parkbank, die Du besingst – gibt’s die wirklich, oder war das nur ein schönes Bild?
N: Ach, ich fidne ja jede Parkbank hat irgendwie so etwas Beständiges. Und ich fand das sehr schön dieses Symbol zu benutzen, weil es eben so etwas Personifizierendes hat. Die ist in dem Song ja fast schon menschlich, wie so eine alte, beste Freundin, zu der man immer kommen kann, die immer für einen da ist. Auch wenn man viel in der Welt unterwegs ist und dann wieder heim kommt, dann ist die Bank immer noch da. Egal wo, aber natürlich auch in Frankfurt sitze ich gerne gemütlich auf so einer Parkbank, man denkt nach und das gewährt einem ja auch so den Blick nach vorne.
X: Aber gibt es diese eine, bestimmte Bank, oder geht’s in dem Song um die Idee der Bank?
N: Es ist keine konkrete Bank gemeint, es geht tatsächlich um die Idee.

X: Die aktuelle Single „Je ne parle pas francais“ dreht sich um die Sprachbarriere bei einer Urlaubsbekanntschaft – gab es denn die Situation und wenn ja, was ist daraus geworden?
N: Ja, diese Urlaubsbekanntschaft gab es tatsächlich. Da war ich im Urlaub in Marokko, lag grad am Strand und hab mich gesonnt als dann auf einmal dieser unheimlich gut aussehende, junge Mann auf mich zukam und mich auf Französisch ansprach. Ich hab ihm dann mehr oder weniger mit Händen und Füßen klar gemacht, dass ich ihn nicht verstehe. Ich fand die Sprache aber unheimlich schön und dachte nur so „Was solls, dann eben mit Händen und Füßen, je ne parle pas francais, aber bitte red‘ weiter!“ (lacht)

X: Das ist ja ein sehr fröhlicher, luftiger Song, am anderen Ende des Spektrums steht auf dem Album “Ahmed”, der sehr persönliche Song über Deinen Dad. Den hast Du nie als Vater erlebt und er ist auch schon tot. Hast Du Deine Mum vorher gefragt, ob Du Euer Familienleben so in der Öffentlichkeit ausbreiten darfst?
N: Na klar darf ich das, ich bin 26 und muss meine Mutter nicht mehr um Erlaubnis fragen. Aber ich hab sie natürlich gefragt, ob das für sie ok ist den Song so rauszubringen. Ich kannte meinen Vater ja nicht, hatte aber sehr viele Fragen. Und durch die Geschichten, die mir meine Mutter und andere aus meiner Familie erzählt haben, konnte ich überhaupt erst diesen Song schreiben. Sie ist nur bei einer Passage zusammengezuckt, eben wo ich erzähle, dass er sich nicht anpassen kann und angefangen hat Drogen zu verkaufen. Un da hat sie dann, O-Ton, zu mir gesagt „Ach, warum musst Du denn sowas sagen, er ist doch tot. Über Tote spricht man nicht schlecht!“. Ich hab ihr dann gesagt, dass HipHop nicht immer bequem ist un dich die Geschichte so erzählen will, wie sie war.
X: Aber hey, der hat sie hochschwanger sitzen lassen und sie setzt sich noch dafür ein, dass man nach seinem Tod nicht schlecht über ihn spricht? Wow!
N: Das ist super selbstlos, ja. Sie ist halt total happy, dass sie uns hat. Ihre Kinder sind ihr ein und alles! Und meine Mama war immer eine Löwin. Ich erzähl in dem Song ja sehr detailliert die Geschichte. Mir ging‘s aber auch darum anderen mit einer ähnlichen Situation zu zeigen, dass man auch wenn man schlechte Startbedingungen hat oder aus schlechten Verhältnissen kommt, trotzdem ein glückliches Leben haben und etwas aus sich machen kann, das war mir wichtig dabei!

X: In Deinem Wikipedia-Eintrag steht auch, dass Du eine von nur drei Ladies in Deutschland ist bist, die es mit einem HipHop-Song auf die Nummer 1 der Charts geschafft hast – wer war das denn noch außer Dir?
N: Das würde ich auch gern wissen! (lacht) Ich nehme mal stark an, dass eine der beiden Sabrina Setlur ist, aber die andere? Aber hier, Wikipedia sollte man eh nicht alles für voll nehmen; die haben bis heute meinen Geburtstag falsch gelistet – ich habe nicht im September Geburtstag!
X: Stimmt wenigstens das Geburtsjahr?
N: Was steht denn da? ‘91? Ja, das stimmt!

X: Du hast auch ein paar Gäste auf dem Album. Lary z.B.; deren Album „Futuredeutschewelle“ von 2014 finde ich bis heute unfassbar gut. Ich hab jetzt aber schon eine ganze Zeit nix mehr von ihr gehört, was macht die denn so?
N: Ja, freu Dich, das nächste Album ist unterwegs und ich kann jetzt schon mal verrate*N:* es wird ziemlich geil!
X: Eure Bekanntschaft, hat die denn auch was mit dem Produzententeam der Beatgees zu tun, gibt es da Überschneidungen?
N: Ja, wir haben tatsächlich dieselben Produzenten. Wir kennen uns auch aus diesem Studiokomplex wo die Beatgees drin sind und haben uns da kennengelernt. Wir haben uns dann gegenseitig Songs vorgespielt und ausgetauscht und so kam das dann, dass sie da eine Strophe übernommen hat.

X: Ein anderer Gast ist Farid Bang. Der hat dieser Tage jede Menge Presse, hat sich das aber wohl auch nicht so gewünscht. Du kennst ihn schon sehr lange, hast ihn ganz anders kennengelernt und sein Part auf Deinem Album zeigt auch eine ganz andere Seite von ihm… war das beim Echo nur eine krasse Promonummer, oder wie muss man den Mann verstehen?
N: Naja, das ist eine sehr gute Frage! So weitgehend haben wir über diese Themen auch nicht gesprochen. Aber ich beobachte das natürlich auch alles und kau mir quasi permanent an den Nägeln und frag mich „Was machst Du da, Junge!?“. Ich schätze Farid als Mensch, als sehr netten und höflichen Typ – also rein persönlich. Aber ich kann mit seiner Musik überhaupt nichts anfangen. Wut, Hass, Battle, Beef – das ist alles nicht meine Welt. Ich distanziere mich von Hass, in jeder Form! In meiner Musik geht’s um Liebe. Aber zurück zum Feature. Wir haben uns zufällig in Düsseldorf getroffen und saßen zusammen im Auto und haben uns neue Songs vorgespielt. Und da war eben auch der Song „Hände“ für meine Großmutter dabei. Und Farid war beim Hören des Tracks die ganze Zeit komplett ruhig. Und Du weißt ja, wie Farid aussieht, das ist halt so ein Schrank. Er war also die ganze Zeit beim Song komplett still, drehte sich danach zu mir um und sagt „Sag mal weißt Du eigentlich, dass wir dasselbe Schicksal haben? Dass ich auch ohne Vater aufgewachsen bin und viel bei meiner Oma war?“. Meine Mutter war beim Arbeiten und bildete mit meiner Oma quasi so ein Tagteam und bei ihm war das genauso. Das Feature hat sich also angeboten. Und als dann seine Strophe zurückkam, konnte ich meinen Ohren nicht glauben, was ich da hörte! Ein komplett anderer Farid, ich war so gerührt, wie ehrlich er da ist und diese ganz andere Seite von sich zeigt. Und ich war sehr glücklich, dass es ihm auf meinem Track gelingt eine Frau würdigt!
X: Es ist ein weiterer toller Track auf einem grandiosen Album. Ich danke Dir fürs Interview!
N: Ach, ich danke Dir, es war schön!


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