Lichtspiel

Mutmaßungen über Wilhelm

Dass ausgerechnet der „Rote Pabst“ kurz vor dem deutschen Einmarsch in Polen von Amerika aus wieder nach Hause kommt, klingt wie ein schlechter Witz. Aber anders als seine Kollegen Murnau und Lang hat der Stummfilm-Star Georg Wilhelm Pabst nach der Machtergreifung in Hollywood keinen Fuß auf den Boden bekommen. Also zurück ins heimische Österreich (jetzt „Ostmark“), in die bestürzenden Umstände seiner kränkelnden Mutter, einer diabolischen Nazi-Hausmeister-Familie und des NS-Filmbetriebs, in dem alles möglich ist - wenn man sich denn der Diktatur unterwirft. Und Pabst tut das. So halb jedenfalls. Er geht Kompromisse ein, um arbeiten und leben zu können. Woran er in Daniel Kehlmanns jüngster Geschichts-Ausdichtung zerbricht.
Wie in Kehlmanns Humboldt-Bestseller „Die Vermessung der Welt“ und den „Tyll“-Mutmaßungen geht der 48-jährige Autor auch hier zu Werke: In einem historisch gesicherten Rahmen macht er sich zwischen Fakt und Fiktion frei fabulierend daran, das auszugestalten, was man nicht weiß und auch nicht wissen kann: Wieso lässt sich ein Künstler für ein menschenverachtendes Regime einspannen und dreht noch solche Historiendramen wie „Paracelsus“? Wie mag das Treffen mit dem Reichspropagandaminister abgelaufen sein? Kehlmann beweist sich wieder als Meister in der Ausgestaltung solchen Szenen und Tableaus und treibt die Beklemmung und Zweifel mit den Dreharbeiten zu „Der Fall Molander“ in einen wild-surrealen Fiebertraum. Bis heute ist dieser Film verschollen und bietet Kehlmann die ideale Vorlage den ultimativen Sündenfall, von dem sich der Regisseur nicht mehr erholen sollte. Kehlmanns Kommentar zum Thema ist klar: Wer sich mit dem Teufel einlässt…
Literarisch großes Kino

Daniel Kehlmann
480 Seiten
Rowohlt, 26 € / eBook 22,99 €


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