Kein Rainer für Nazis!: Rainer Von Vielen

Der Mann hinter Rainer Von Vielen heißt gebürtig Rainer Hartmann, ist die Vielseitigkeit in Person (Musiker, Komponist, Grafiker, Filmschaffender usw.), Allgäuer mit Leib und Seele und zudem dreifacher Familienvater. Er lebt seit Jahren komplett von seinem kreativen Schaffen und verdient normalerweise den größten Teil seines Geldes mit Livekonzerten – zwischen 80 und 100 Konzerten im gesamten deutschsprachigen Raum sind das üblicherweise pro Jahr. In der Krise nutzt er die Zeit u.a. um seine Soloplatte auf den Weg zu bringen, hat ein Crowdfunding dafür gestartet (www.startnext.com/oriom) und erweist sich am Telefon als toller Gesprächspartner mit Humor, aber auch als nachdenklicher und vielfach interessierter Mensch.

XAVER: Hallo Rainer! Dass du ein vielseitiger Musikschaffender bist, weiß man, aber auch Film ist ein großes Thema, sogar in der Familie…

Rainer Von Vielen: Ja, genau, meine Schwester ist Cutterin und ist aktuell sogar dabei eine Doku über Rainer Von Vielen zu machen und ich werde hier jetzt auch gerade gefilmt, das Interview könnte also in Teilen in der Doku auftauchen! Sie hat schon zwei größere Dokumentarfilme gemacht und arbeitet auch regelmäßig für den BR.
X: Und du hast an der Ludwigsburger Filmakademie studiert?

RVV: Genau, ich habe mich im Bereich Drehbuch beworben, wurde genommen und hab' auch meinen Abschluss gemacht.
X: Und ich hätte jetzt eher vermutet, dass du da im Bereich Filmmusik aktiv warst…

RVV: Ich hab‘s zwar nicht studiert, aber innerhalb des Studiums ganz viel Filmmusik gemacht. Ich habe sogar mehr Filmmusik gemacht, als Drehbücher geschrieben! (lacht) Obwohl ich ursprünglich an der Filmakademie gelandet bin, weil ich irgendwas mit Schreiben studieren wollte; ich bin auch gar nicht so der riesige Filmnerd.
X: Du hast auch schon Texte geschrieben, bevor du angefangen hast, Musik zu machen. Nun bist du ja sehr vielseitig künstlerisch aktiv, hast du schon ein Buch geschrieben?

RVV: Nein, das hab' ich noch nicht. Und diesen Drang zu schreiben, lebe ich seit Jahren mit den Songtexten aus. Das Drehbuchschreiben mache ich mittlerweile überhaupt nicht mehr. Und mit den Jahren hat sich der Fokus stark von der Textebene auf die Musik verlagert.

X: Du hast aus der Corona-Not eine Tugend gemacht und startest aktuell gerade eine Crowdfunding-Aktion (www.startnext.com/oriom) für ein Soloalbum…

RVV: Richtig.
X: Und das ist phänomenal angelaufen, beide zunächst gesteckten Ziele (Album- und Videoproduktion, Anmerk. D. Verf.) wurden innerhalb eines Tages erreicht, ja sogar mit 580% übererfüllt. Beim Soloalbum konnte ich viele Stichwörter aufschnappen, die für mich allesamt erklärungsbedürftig sind, das geht schon mit dem Projektnamen los: Oriom…?

RVV: Da steckt als Basis zunächst mal das Sternenbild Orion drin und das hinzugefügte Om passt sehr gut zur meditativen Komponente. Und das Sternbild habe ich mir ausgesucht, weil ich bei diesem Projekt Planetentöne in Musik umsetze. Orion empfinde ich – auch optisch – als sehr gelungenes Sternbild und kann das auch am Nachthimmel jederzeit erkennen.
X: Das klingt jetzt total stimmig und logisch. Mit anderen Stichworten bin ich nicht so vertraut: Heilsame Klänge, Planetenfrequenzen, Hockoktavieren, Jahreston der Erde… bitte was?

RVV: (lacht) Wenn Klänge in der Klangtontherapie eingesetzt werden, dann sind die meistens Grundton-basiert und zu heilsam passt auch gut, dass ich bei dem Projekt ganz stark meinen Kehlkopfgesang einsetze. Dessen Wurzeln liegen ja in der Mongolei oder auch bei den tibetischen Mönchen. Und auch für mich selber ist dieser Kehlkopfgesang etwas extrem Wohltuendes, also dieses (fängt an zu „Röhren“), wenn ich so singe, dann vibriert der ganze Brustkorb mit. Rein physikalisch ist das bei diesen Bassfrequenzen schon fast eine „Klangmassage“. Und die Kombination aus dieser getragenen Musik und dem Kehlkopfgesang war für mich allein schon ein sehr wohltuender und heilsamer Prozess. Gerade in der Zeit als dann klar war, dass ich das was ich sonst mache, nicht mehr machen kann, war das etwas, an dem ich mich festhalten konnte und was aus sich heraus ein gutes Gefühl erzeugt hat. Und dann haben Dich die Planetentöne interessiert?
X: Planetenfrequenzen, genau.

RVV: Der Musikwissenschaftler Hans Cousto hat die Planetenfrequenzen in den späten 70ern entdeckt und berechnet. Denn die Umlaufbahnen von Planeten sind Frequenzen, wenn auch sehr langsame und entsprechend unhörbar. Und wenn man die dann mehrfach hochoktaviert, dann sind wir im für Menschen hörbaren Bereich. Die Erde z.B. braucht 365 Tage für eine Umdrehung um die Sonne, und hochoktaviert kommt man dann bei genau 136,1 Hz raus und das ist dann der Basiston fürs Erdenjahr. Auf dem Oriom-Album habe ich dann einen Track, der auf diesem Ton basiert. Das ist ungefähr ein Cis - aber 31 Cent tiefer - und so hab ich alle Instrumente auf diesem Track auf diesen Ton gestimmt und auch die Beats entsprechend angepasst.
X: Klingt extrem wissenschaftlich und gleichzeitig hochinteressant – ich bin schon gespannt, wie das dann klingt!

RVV: Ja (lacht) ist schon auch ein bisschen Nerd-Kram! Aber abseits des Hintergrunds ist das einfach sehr harmonische Musik, eben weil alle Komponenten aufeinander abgestimmt sind.

X: Was mir bei der Recherche und jetzt im Gespräch gar nicht mehr so klar war: ist Rainer Von Vielen jetzt ein Künstlername von dir oder eine Band?

RVV: Ja, wir sind beides! (lacht) Ich weiß ja, dass das verwirrend ist, das hängt aber auch damit zusammen, dass Rainer Von Vielen eine so lange Geschichte hat. Das ging 1998 für ca. fünf Jahre als Soloprojekt von mir los. Es war aber schon immer mein Bestreben mit Bands aufzutreten und mit ihnen Sachen umzusetzen. Seit 2004 sind wir dann zur Band mutiert und ab dem Moment sind wir eine feste Formation und schreiben auch so die Songs – wobei ich im ganzen Gefüge immer noch der Hauptsongwriter bin.

X: Ihr macht das mit der Band seit Jahren hauptberuflich, was seit März echt schwierig ist so ohne Liveauftritte. Viele der Musiker in meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben mittlerweile notgedrungen umgesattelt, arbeiten auf dem Bau oder wo auch immer – wie ist das bei euch?

RVV: Da geht’s uns nicht anders. Ich helfe seit zwei Monaten bei einem größeren Umzug. Im Sommer haben wir eine Zeit lang Duo-Konzerte gespielt, also der Rainer Von Vielen-Gitarrist Mitsch Oko und ich. Das meiste war draußen, manche sogar auf Almen hier bei uns im Allgäu. Das hat sich einfach so ergeben, dass wir auf mehreren Almen und auch in Biergärten spielen konnten. Aber seit Oktober habe ich jetzt kein Konzert mehr gespielt. Und auch wenn es schön ist gerade mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, fehlt mir doch das Livespielen und das unterwegs sein; das war einfach seit über 15 Jahren ein wesentlicher Teil meines Lebens.

X: So vielseitig und kreativ ihr seid, so sehr eigen seid ihr aber auch, was das Geschäft angeht. Ihr behaltet das meiste in eigener Hand, habt auch ein eigenes Label, und habt innerhalb der Band die Jobs gut verteilt, kümmert euch selbst um Booking, Homepage, Social Media und Merch. Ist das ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Business?

RVV: Da spielen mehrere Faktoren mit rein. Zunächst war Selbermachen angesagt, weil‘s sonst niemand gemacht hätte. Später gab‘s dann auch Angebote, aber dann wollten wir uns eben nicht mehr reinreden lassen. Das hätte vielleicht schneller mehr Erfolg ermöglicht, aber wir wollten uns eben auch nicht so extrem abhängig machen. Wir wollten lieber gesund wachsen, anstatt ganz schnell mit einem Label Erfolg zu haben, dann aber auch die getätigten Investitionen des Labels, zurückzahlen zu müssen. Und ich bin bis heute froh um die Entscheidung, einfach weil es sich in vielen Situationen gezeigt hat, dass wir mit der Flexibilität, alles alleine zu machen, in Extremsituationen so frei sind, um richtig zu reagieren. Und es ist tatsächlich so wie Du gesagt hast, jeder hat innerhalb der Band seine Aufgaben. Dadurch habe ich mir über die Jahre recht viel angeeignet - von Grafikgestaltung über Videoschnitt und -animation bis hin zur Musikproduktion. Und durch sowas wächst man ja auch.

X: Über die Jahre seid Ihr mir auch mehrfach durch euer Faible für außergewöhnliche Coverversionen aufgefallen: an Sido „Mein Block“ und Faith No More „Wir kümmern uns aka. We Care A Lot“ kann ich mich da sehr gut erinnern…

RVV: Na toll, nur die Covers sind bei Dir hängen geblieben? (lacht)
X: Nee, so hab‘ ich das nicht gemeint… Aber gerade Faith No More haben für mich selbst einen ganz besonderen Stellenwert. Und du hast wahrscheinlich auch so ein paar Bands, die irgendwie unantastbar sind und bei denen man keine Coversongs braucht. Aber eure Version ist nur genial und gelungen, auch und besonders, weil du eben einen deutschen Text zum Song gemacht hast.

RVV: Das mag auch damit zu tun haben, dass wir alle in der Band komplette Faith No More-Fans und auch alle damit aufgewachsen sind. Das ist einfach eine Hommage an die Helden unserer Jugend, die uns auch stark musikalisch geprägt haben. Und musikalisch haben wir das Original ja auch gar nicht großartig verändert. Aber wir konnten es mit den heutigen Mitteln eben wesentlich fetter produzieren, als das früher möglich war.
X: Ist das im Anfang des „Wir kümmern uns“-Clips eigentlich Sibylle Berg?

RVV: Ja, genau, das ist Sibylle Berg. Die hat sich selbst gefilmt, deswegen ist die Qualität auch nicht so gut.
X: Und wie habt Ihr die kennengelernt? Das ist ja nun auch eine ganz besondere Künstlerin/Autorin…

RVV: Sebastian Schwab, unser inzwischen leider ehemaliger Schlagzeuger, hat einen sehr guten Kontakt zu ihr. Der ist auch Schauspieler und wollte das erste Buch, das von Sibylle Berg erschienen ist, als Theaterstück umsetzen. Und der Kontakt ist geblieben, auf ihrer letzten Lesereise war er auch als Tourmanager mit ihr unterwegs.
X: Auf mich wirkt die Lady immer so ein bisschen wie ein Alien…

RVV: Ja, genau. Ich hab‘ sie seither auch leider noch nicht kennengelernt.

X: In dem „Wir kümmern uns“-Clip habt Ihr in einer Szene auch Aluhüte auf – nie waren Verschwörungstheorien größer als dieses Jahr… Ich habe in meiner Facebookblase auch mehrere Leute, die stolz und völlig überzeugt den Aluhut aufhaben und irgendwo definitiv falsch abgebogen sind. Wie ist das bei euch?

RVV: Wir haben da bei Rainer Von Vielen eine klare Haltung - wir wurden sogar schon im Juli von Querdenken-Stuttgart angefragt, ob wir nicht Lust hätten, da ein Konzert zu spielen und haben das sofort abgelehnt. Vor allem mit der Begründung, dass es in keinster Weise geht, mit Nazis in einer Reihe auf einer Kundgebung zu stehen! Ganz egal, worum es geht, es ist ein No-Go mit Nazis zusammen irgendwas zu machen. Und wir beobachten mit Schrecken, dass es wohl für Viele so ist, dass der Zweck die Mittel heiligt. Man muss sich ja auch nur anschauen, wer diese Demos ausrichtet - ich spreche jetzt ganz konkret von dem Michael Ballweg, der private Kontakte zu rechten Gruppierungen hat und sogar jetzt, trotz all der berechtigten Kritik, immer noch Versammlungen bei Reichsbürgern abhält. Mit solchen Arschlöchern kann man doch nicht auf die Straße gehen!

X: Ein weiterer wichtiger Faktor in eurer Band ist das Allgäu – wo ihr herkommt und lebt. Meinst du eure Musik, oder deine Arbeit wäre eine andere, wenn du z.B. in Hamburg wohnen würdest?

RVV: Ich denke schon! Die Art und Weise, wie wir Musik machen, ist schon ganz stark damit verbunden, wo wir herkommen. Die Musikszene in der Gegend, wo wir herkommen, ist recht überschaubar; und deswegen haben da Musiker der verschiedensten Szenen untereinander Kontakt. Man bekommt so automatisch viel aus allen möglichen Musikrichtungen mit und wenn man eben keinen anderen Sänger für seine Band findet, dann nimmt man halt auch mal einen Rapper (lacht). Für mich war das sehr inspirierend, schon sehr früh mit verschiedenen Musikrichtungen in Kontakt gekommen zu sein. Ich hab‘ von klein auf Akkordeon gelernt und das ist ja schon auch ein stark volkstümliches Instrument und ich hab da auch die ganzen bayerischen Ländler und solche Sachen gespielt. Und ich bau ja auch heute noch gerne mal einen Jodler in unsere Stücke ein. Unsere Musik ist also auf jeden Fall durch unsere Herkunft geprägt.

X: Im Allgäu hat‘s auch massig schöne Waldgebiete und Du bist wohl auch sehr gerne im Wald. Stell Dir vor Du triffst dort eine Fee und sie gibt Dir die berühmten drei Wünsche, welche wären das?

RVV: Oh Gott… (überlegt lange) Also, erster Wunsch: Weltfrieden, ohne dass sich die Menschen langweilen (überlegt wieder lange), zweiter Wunsch: gesunde Erde – in Bezug auf Klimakatstrophe – für meine Kinder und mich (überlegt wieder lange), dritter Wunsch: da könnt ich doch jetzt auch ein bisschen egoistisch sein, oder?
X: Ja klar, also volles Haar?

RVV: Nein (lacht), das brauch ich nicht mehr, ich find das ganz praktisch so! Aber dritter Wunsch: eigenes Häuschen hier auf dem Land. Im Prinzip so, wie das in dem ich gerade zur Miete wohne, nur ohne die Unsicherheit, dass man da vielleicht auch mal wieder raus muss!
X: Ich drück die Daumen und wünsche alles Gute und viel Erfolg weiterhin!


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