Faire Bio-Kanonenfredis: Revolverheld

Vor über 15 Jahren im schönen Hamburg noch unter dem Namen Manga gegründet und dann kurzzeitig auch als Tsunamikiller unterwegs, sind Revolverheld heute eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Bands. Sänger Johannes Strate war erst kürzlich wochenlang zur besten Sendezeit im Fernsehen bei „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ zu sehen, das aktuelle Album schoss auf Platz 2 in die Albumcharts und die komplette Clubtour war in Rekordzeit ausverkauft. Jetzt steht sogar in Hamburg der Sommer vor der Tür; dort nahm sich der bestens gelaunte Drummer Jakob Sinn Zeit für ein Pläuschchen mit uns.

XAVER: Hallo Jakob, wo bist du denn gerade?
Jakob Sinn: Ich bin in Hamburg. Und, das muss ich extra betonen: Ich bin im sonnigen Hamburg. Wir haben hier seit ein paar Wochen mit ganz wenigen Ausnahmen unfassbar gutes Wetter! Das lässt sich hier gerade gut aushalten.

X: Auf eurer Bandhomepage habe ich eine aktuelle Nachricht gefunden, die mit „Eure Kanonenfredis“ unterschrieben war. Wer kommt denn auf so was?
JS: (lacht) Das kam von Kris, unserem Gitarristen. Das ist bei unseren Newslettern so eine Art Running Gag geworden, die immer mit irgendeinem anderen Bandnamen-Quatsch zu unterschreiben.

X: Vor dem neuen Album „Zimmer mit Blick“ wurde gemunkelt, dass ihr euren Sound drastisch umkrempeln würdet – es sind deutlich mehr Synthies, aber drastisch?
JS: Na ja, vielleicht ist das nach außen hin nicht so extrem wahrnehmbar, wie es für uns war. Für uns war’s nämlich durchaus ein großer Schritt, gerade was die Arbeitsweise angeht. Wir kamen ja aus der „MTV Unplugged“-Phase. Und da werden strikte Vorgaben gemacht, welche Instrumente da eingesetzt werden dürfen und welche nicht. Synthies fallen da sowieso weg, aber eben auch E-Gitarren und sämtliche elektronischen Instrumente. Nachdem wir also bei der Unplugged-Kiste nicht durften, haben wir danach nur umso mehr Bock gehabt, etwas in die Richtung zu machen. Wir haben uns dann mit unserem Produzenten Philipp Steinke (u. a. auch für Bosse, Michelle, Mark Forster und Boy aktiv, Anmerk. d. Verf.) eingeschlossen und einfach mal angefangen. Die ersten Ergebnisse waren wesentlich extremer, als das, was dann später veröffentlicht wurde. Ich als Schlagzeuger habe sehr viel programmiert und etwas E-Drums gespielt. Erst ganz am Ende der Produktion habe ich dann Teile noch mit einem richtigen Schlagzeug im Studio nachgespielt. Viele Ideen sind auch nur durch diesen anderen Ansatz entstanden. Das war also schon alles sehr neu für uns.
X: Viele Schlagzeuger weigern sich ja strikt, E-Drums zu spielen, wie war das für dich?
JS: Das war für mich ja nichts komplett Neues. Ich habe ja auf den Platten davor auch schon bei dem ein oder anderen Song mit E-Drums gearbeitet – „Darf ich bitten“ ist so eine Nummer, die wir auch seit Jahren schon im Programm haben. Aber das Programmieren am Computer gab’s vorher quasi gar nicht. Aber ich habe generell Lust, was Neues zu machen und mich auch mal einer Herausforderung zu stellen. Das hat mir auch alles richtig Spaß gemacht!

X: Aufgenommen habt ihr das Album nicht auf Mallorca, in London oder L.A., sondern auf Föhr – wie kam’s?
JS: Auf Föhr haben wir gar nicht aufgenommen, sondern wir hatten da unsere erste gemeinsame Arrangier-Phase. Die Band Stanfour kommt von Föhr und hat da ein Studio, das sie uns netterweise für ca. eine Woche zur Verfügung gestellt hat. Das war ein ganz guter Startpunkt für uns. So auf einer Insel, von allem abgekoppelt, man fährt abends nicht nach Hause, sondern bleibt zusammen und konzentriert sich voll auf die Musik. Und auch da hatten wir wettermäßig Glück, es war zwar Nebensaison, aber richtig schön!
X: Dieses konzentrierte Abkapseln, um gemeinsam konzentriert am neuen Material zu arbeiten, hat das Tradition bei Revolverheld, oder war das etwas Neues?
JS: Nee, das haben wir schon früher gemacht. Wir waren z. B. auch mal in Dänemark. Oder die Songwriter Johannes und Kris haben sich auch schon mal zusammen in Amsterdam verschanzt und da an gesammelten Ideen gearbeitet. Wir haben ganz gute Erfahrungen damit gemacht, den Alltag hinter uns zu lassen und fokussiert am Material zu arbeiten – da kommt meist richtig viel bei rum! Und aufgenommen haben wir den größten Teil dann tatsächlich in Hamburg.

X: Nach der Albumveröffentlichung ging’s erst mal auf Clubtour. Die war natürlich ruckzuck ausverkauft – wie war’s denn mal wieder in kleinen Räumen zu spielen?
JS: Das war total super. Auch wieder als Kontrast zu den großen MTV Unplugged-Shows, die auch Spaß gemacht haben, aber in den Clubs war’s eben mal wieder Vollkontakt, nah an den Leuten dran, denen man dann direkt ins Gesicht schauen konnte. Das ist ein viel direkteres Feedback und genau das haben wir uns für die Livepremiere der Songs vom neuen Album gewünscht.
X: Die Produktion bei den MTV-Shows war ja wohl in drei Nightliner und fünf Trucks untergebracht, das war bei den Clubshows dann bestimmt auch übersichtlicher …
JS: Ja, das war was ganz anderes; ein kleiner Truck und ein Nightliner. So wie das eben auch früher war. Wir freuen uns schon auch drauf, wenn das jetzt bei den Open-Air-Shows und 2019 in den Arenen dann wieder größer wird, aber das Tolle ist ja, dass wir beides machen können und wir beides genießen! Und wir kommen ja dann auch in eure Gegend, nach Heidenheim …
X: Ich bin mir gar nicht sicher … Habt Ihr schon mal in Heidenheim gespielt?
JS: Ich glaube nicht.
X: Aber als HSV-Fan kannst du dich ja bei der Gelegenheit mit der Stadt vertraut machen, man sieht sich ja dann nächste Saison zwei Mal!
JS: (lacht) Ich hoffe ja, dass wir das dem VfB nachmachen können und den direkten Wiederaufstieg schaffen. Aber das haben andere vor uns auch gedacht, mal schauen. Ich weiß noch nicht mal, wer vom Team mit in die zweite Liga geht … Wird spannend und ich hoffe, dass das vereinsintern nicht unterschätzt wird.

X: Thema Fußball ist ja topaktuell, die WM ist gerade angelaufen. Euer Song „Immer noch fühlen“ ist der offizielle WM-Song bei Sky, ist das was Besonderes für euch?
JS: Wir freuen uns auf jeden Fall, klar. Wir sind eine fußball-affine Band und ich glaube, der Song passt auch gut. Aber es ist natürlich trotzdem etwas anderes als 2008, als wir extra für die deutsche Mannschaft einen Song geschrieben haben.
X: Beim Lyric-Video zum Song werden beschriftete Kassetten gezeigt – war das ein Ding in deiner Jugend, hast du der Herzdame mal ein Mixtape gemacht und hast du vielleicht sogar noch Tapes aus der Zeit?
JS: Ich glaube, ich habe so was nie verschenkt. Aber ich habe mir natürlich Mixtapes gemacht und teilweise auch im Radio mitgeschnitten, wenn was Neues gespielt wurde, was man sonst noch nicht bekommen konnte. Das gehört bei allen in der Band zu ihren Jugenderinnerungen. Ich habe leider keine Mixtapes mehr aus der Zeit, was ich aber habe, sind alte Demoaufnahmen meiner Schülerbands von damals.
X: Grunge, New Metal und Crossover stand wohl in der Jugend bei euch hoch im Kurs, was waren da die Lieblingsbands? Haben es ein paar geschafft und sind bis heute noch wichtig für dich?
JS: Da gibt’s einige Platten, die mich extrem beeinflusst haben und die ich auch bis heute immer mal wieder höre. Das Debüt von Rage Against The Machine fällt mir da zuerst ein und „Nevermind“ von Nirvana. Später dann Sting und The Police – alles Sachen, die ich bis heute gut finde und höre.
X: Weil das Thema MTV Unplugged schon gestreift wurde, hast du da auch ein paar Favoriten?
JS: Nirvana natürlich, aber dann auch so ganz andere Themen, wie z. B. das MTV Unplugged von Eric Clapton. Das war bei unserem MTV Unplugged ja auch so eine Herausforderung, der wir uns gestellt haben. Dass wir eben verschiedene Herangehensweisen gewählt haben, einerseits das Streichorchester, zumindest ein kleines, und dann eben auch die reduzierten Geschichten nur mit Klavier oder Gitarre. Um das unter einen Hut zu bringen, haben wir uns das Konzept mit den drei Akten ausgedacht.

X: Bei den anstehenden großen Shows unter freiem Himmel und auch erst recht im März bei der Arenatour erwarten die Leute dann natürlich auch eine entsprechende Produktion.
JS: Wir hatten lustigerweise vor drei Tagen genau zu dem Thema ein Meeting. Da haben wir uns, zusammen mit entsprechenden Experten, so einiges überlegt. Die Fachleute haben uns dann erst mal erklärt, was überhaupt möglich wäre und was nicht. Ich kann hier jetzt natürlich noch nicht viel verraten, aber es wird auf jeden Fall interessant!

X: Im Juni spielt ihr noch ein Open Air in Österreich am Wörthersee. Das ist am 23. Juni – wann habt ihr denn Stagetime?
JS: Nee, das kann ich dir nicht sagen.
X: Du weißt aber schon, dass an dem Abend Deutschland gegen Schweden spielt?
JS: Ahhh, nee, das wusste ich nicht! Aber ich hoffe mal, dass die Veranstalter das auf dem Schirm haben.
X: Falls nicht, hättest du als Schlagzeuger ja noch am ehesten die Chance, das „während der Arbeit“ auf dem Laptop zu schauen …
JS: Bela B. soll das ja mal bei einem Konzert gemacht haben, weil da parallel St. Pauli gespielt hat. Das wär’ aber nix für mich, ich glaube, das würde nicht funktionieren. Aber wir haben uns schon über unser InEar-Monitoring den aktuellen Spielstand durchsagen lassen, das ja!

X: Du hast schon mit zehn, elf Jahren angefangen Schlagzeug zu spielen. Was hat dich gerade zu dem Instrument gezogen?
JS: Ich glaube, es war einfach die Energie, die von dem Instrument ausgeht. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich weiß sogar noch genau, dass es der Schlagzeuger aus der Schul-Big-Band war, der mich so beeindruckt hat. Später habe ich dann gemerkt, dass das menschlich ein ziemlicher Depp ist und er auch nicht sonderlich gut gespielt hat, aber er hat halt voll reingebolzt.
X: Und deine Eltern fanden die Idee auch direkt gut und haben nicht versucht, dich für die Ukulele oder andere, handlichere und leisere Instrumente zu begeistern?
JS: Nein, gar nicht. Die haben die Idee direkt unterstützt. Obwohl es echt laut war. Ich habe dann auch nur ein Jahr lang daheim gespielt und mir dann bald einen Kellerraum gesucht, in dem ich niemanden gestört hab. Wobei bei uns daheim lustigerweise sogar die Nachbarn kamen, nicht um sich zu beschweren, sondern um zu bemängeln, dass ich heute ja noch gar nicht geübt habe!

X: Mit Tom Tailor habt ihr kürzlich eine eigene Kollektion herausgebracht. War Mode schon immer wichtig in deinem Leben?
JS: Ja, schon. Also, wir sind jetzt keine ausgewiesenen Fashion Victims, aber interessiert an Mode sind wir auf jeden Fall alle. Und das mit Tom Tailor hat sich einfach so ergeben, die sind auf uns zugekommen. Das ist ja ein traditionsreiches Hamburger Unternehmen und die Kombination mit uns als Hamburger Band fanden die spannend – und ich auch! Es war natürlich absolutes Neuland für uns, als wir uns da mit deren Designern zusammengesetzt haben. War ein tolles Erlebnis und ich bin gespannt, wie das dann bei den Fans ankommt. Uns war auch wichtig, dass das alles nachhaltig und fair produziert wird. Wie bei unserem Merchandise seit ein paar Jahren, haben wir auch hier Biobaumwolle gewählt und auf faire Produktion geachtet.
X: Wenn du sagst, dass das schon immer ein Thema für dich war, hast du das dann auch in Jugendtagen schon extrovertiert ausgelebt?
JS: Ja, schon. Ich hatte so eine Phase, da hatte ich immer eine viel zu große Lederjacke vom Flohmarkt an. Dazu kamen dann noch die richtig langen Haare, die ich damals hatte.
X: Aber die doch sehr bunten Klamotten von den aktuellen Bandfotos, so was trägst du jetzt nicht werktags zum Einkaufen, oder?
JS: Ehrlich gesagt schon, doch! Ich trage viel so Zeugs! (lacht)


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