Die Reise ins (s)Ich: Maria Mena

Schon mit 13 Jahren schrieb die Norwegerin Maria Mena ihren ersten Song - und zwar um die Scheidung ihrer Eltern zu verarbeiten. Ihr Vater, gebürtig aus Nicaragua, in New York aufgewachsen und professioneller Schlagzeuger hat sie früh an die Musik herangeführt. Ihr neues Album „Growing Pains“ ist vor wenigen Tagen erschienen, und obwohl Maria noch nicht einmal 30 Jahre alt ist, ist es ihr siebtes Album. Und ganz in der Tradition ihrer seitherigen Alben und Texte ist es ein sehr persönliches geworden, das viele Fragen aufwirft. Schön, dass sich die sympathische und gut gelaunte Sängerin die Zeit für ein ausführliches XAVER-Telefonat genommen hat.

XAVER: Hallo Maria, schön, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Dein neues Album wird bald veröffentlicht und ich vermute mal, dass du dieser Tage viele Interviews führst?
Maria Mena: Hallo Tom! Unser Gespräch ist tatsächlich eines der wenigen, das ich bislang zum Album gemacht habe. Einfach, weil es in vielen der Songs um die Trennung und Scheidung von meinem Mann geht. Hier in Norwegen werde ich erst in ein paar Tagen in einer Fernsehsendung erstmals etwas dazu sagen. Einfach weil ich das bewusst steuern wollte und damit das auch von mir selbst und in meinen eigenen Worten kommt. Ich habe keine Ahnung was in diesem und in den noch folgenden Interviews auf mich zukommt, aber du bist einer der ersten Journalisten, mit dem ich darüber spreche. Es kann also durchaus sein, dass ich auch mal „No comment!“ sage.
X: Naja, das ist ja auch eine sehr persönliche Sache …
MM: … und ich war schon immer sehr persönlich in meinen Texten. Ich habe da schon immer meine Songs für mich sprechen lassen.

X: Als allererstes müssen wir über die Entstehungsgeschichte vieler Songs auf dem Album sprechen. Laut der Albuminfo kommen viele Songs nämlich aus deinem Unterbewusstsein?
MM: Ja, als ich die Info gelesen habe, dachte ich mir auch, dass das reichlich schräg klingt, aber das war es ja auch irgendwie. Das war nämlich so: Ich glaube ja, dass man, wenn man etwas derart Einschneidendes erlebt - wie bei mir die Scheidung - dann auch eine gewisse Zeit klagen und trauern muss.
X: Klar, man muss es raus lassen …
MM: Genau. Und um das dann hinter sich zu lassen, muss man da durch, man kann das leider nicht einfach so überspringen. Ich hatte also ein hartes Jahr und ich tendiere dazu, Sachen nicht in Songs zu behandeln, bevor ich noch nicht darüber hinweg bin. Für gute sechs Monate habe ich also kaum Songs geschrieben. Trotzdem hatte ich aber das Gefühl, dass mein Geist die Sache irgendwie verarbeiten wollte, ich habe die Songs also tatsächlich geträumt. Ich habe geträumt, dass mir andere Künstler Songs vorsingen. Beim Aufwachen hatte ich die Songs noch präsent und stellte fest, dass das keine Songs von anderen Künstlern sind. Mein Telefon ist immer in der Nähe von meinem Bett und ich habe diese Songs dann direkt aufgenommen. Und das ist sieben Mal passiert! Und irgendwie finde ich das auch lustig, denn es heißt ja, dass ich eine Songwriterin bin - ob ich nun will oder nicht! (lacht)
X: War das dann immer der oder die gleiche SängerIn?
MM: Nein, das waren immer verschiedene. Aber es war eine Sängerin aus Norwegen dabei, die auch recht bekannt ist und die mich schon mehrfach in meinen Träumen „besucht“ hat: Marit Larsen - kennst du doch bestimmt! (Sie beginnt „If A Song Could Get Me You“ zu singen). An sich sollte ich sie anrufen und mich bedanken!

X: Ihr kennt euch also …
MM: Ja klar, Norwegen ist ein kleines Land.

X: Du hast ja selbst erwähnt, wie persönlich diese ganze Beziehungskiste ist. Hast du also gezögert, die Songs zu veröffentlichen?
MM: Klar, ich habe darüber nachgedacht. Aber es wäre eben auch seltsam gewesen, diese Songs nicht zu veröffentlichen. Irgendwann muss man sich dann auch eingestehen, dass das eben ein großer Teil des eigenen Lebens war. Es ist ja leider niemand immun gegen solche schwierigen Phasen im Leben. Es ist einfach eine Etappe meines Lebensweges und es wäre unaufrichtig gewesen, das auszuklammern. Im Kern geht es auch nicht um die Scheidung, sondern wie ich mich selbst gefunden habe. Ich habe erfahren, wie das Leben in eine andere Richtung ausbrechen kann, als man das auf dem Schirm hatte. Und ich habe meine Balance wiedergefunden und vor allem gemerkt, dass ich stärker bin, als ich dachte. So sehe ich das jedenfalls, wie die Leute die Texte lesen, interpretieren und zu welchem Schluss sie kommen, ist natürlich deren Sache.

X: Wenn ich dich jetzt so höre, dann hast du die schmerzhafte Phase, auf die sich der Albumtitel wohl bezieht, hinter dir?
MM: Auf jeden Fall. Aber für mich ist der Albumtitel ohnehin ein sehr positiver. Weil man eben als Person wächst, auch und gerade in harten Zeiten. Und im Moment bin ich glücklich, sogar sehr glücklich!

X: Auf einigen Konzerten in den letzten Monaten hast du auch einen neuen Song namens „This Isn’t Easy” gespielt. Der ist aber nicht auf dem neuen Album gelandet. Warum denn nicht?
MM: Ja, der Song hat es nicht aufs Album geschafft. Ich habe ja eine Menge Songs geschrieben, aber wenn es dann darum geht, ein Album aus dem ganzen Material zu formen, muss man sich auch von manchen Songs trennen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass „This Isn’t Easy” irgendwann, irgendwo - vielleicht als Bonussong - veröffentlicht wird.
X: Hast du folglich eine Schublade voll mit fertigen und unveröffentlichten Songs?
MM: Oh ja!
X: Das ist ja prima für deine Zukunft!
MM: Naja, das sagst du; aber vielleicht habe ich die Songs ja aus gutem Grund nicht veröffentlicht (lacht), vielleicht sind sie ja richtig grottig! Aber im Ernst, ich habe so an die 27 Songs fürs Album gemacht und elf haben es aufs Album geschafft.
X: Wow, das ist eine krasse Quote … Entscheidest du ganz alleine, welcher Song es schafft, oder verlässt du dich da auch auf Berater?
MM: Ich selbst versuche immer, eine Story annähernd chronologisch zu erzählen. Der letzte Song auf dem neuen Album ist mir und meiner Entwicklung also am nahesten und der erste Song auf dem Album ist auf der „am Boden zerstört“-Phase. Ich lasse aber auch andere Meinungen zu. Ab einem gewissen Punkt ist das Teamwork, und ich arbeite ja auch mit Produzenten und A&R-Leuten. Manchmal ist man auch überkritisch. Ich wollte z.B. „All This Time“ (einer ihrer größten Hits, Anmerk. D. Verf.) damals vom Album streichen! Meine Plattenfirma hat mich dann aber Gott sei Dank davon abgehalten.

X: Im Dezember bist du wieder live in Deutschland zu sehen, und zwar als Teil der
Night Of The Proms-Tour zusammen mit The Beach Boys, OMD und Johannes Oerding. Freust du dich schon auf die Konzerte mit den Künstlern?
MM: Also Andy von OMD habe ich vor etwa zwei Wochen in Mannheim das erste Mal getroffen, und er ist einer der nettesten Menschen, die ich je getroffen habe. Wir haben uns sofort sehr gut verstanden, weil wir uns beide für Sachen wie Psychologie usw. interessieren. Ich weiß also, dass ich zumindest einen Freund auf dieser Tour haben werde! Ansonsten freue ich mich darauf, das alleine zu machen, eben gerade, weil es mir auch etwas Angst macht. Ich bin da ja erstmals ohne meine Band unterwegs und für einen kleinen Teil der Show verantwortlich. Und das ist ja eine riesige Produktion. Bei einer normalen Show von mir, kann ich auch mal „Stopp! Noch mal von vorne!“ oder etwas in der Art sagen; das wird auf der Tour nicht möglich sein. Ich bin also auf angenehme Art nervös.


X: Dein Debüt wurde veröffentlicht, als du gerade mal 16 Jahre alt warst. Seitdem warst du sehr aktiv und viel unterwegs. Hast du deine Karriere denn je bereut und dich nach einem „normalen“ Leben gesehnt?
MM: (überlegt lange) Nein. (Pause) Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich als Künstlerin leben kann. Aber es gibt auch immer wieder Phasen, wo ich sehr müde und fertig bin. Einfach, weil ich in meinen Songs so viel von mir selbst preisgebe. Und bitte versteh das jetzt nicht falsch und nimm das nicht persönlich, aber gerade Interviews sind da oft sehr anstrengend. Andererseits bringt mein „Job“ so viele gute und schöne Sachen mit sich, dass das mehr als aufgewogen wird.

X: Du und dein Bruder, ihr seid beide nach Charakteren aus dem Musical West Side Story benannt. Wäre das auch eine Option für deine zukünftigen Kinder? Kannst du dir vorstellen sie nach einem Musical, Film, Buch oder einer Fernsehserie zu benennen?
MM: (lacht und überlegt) Du meinst jetzt wie z.B. Chandler von Friends?
X: Chandler BING!? Genau so meinte ich das.
MM: … das ist jetzt der erste Name, der mir eingefallen ist. Und ich steh total auf Friends, aber über die Namen meiner Kinder, die ich vielleicht irgendwann mal haben werde, habe ich noch gar nicht nachgedacht.

X: Dein Vater ist Schlagzeuger und hat mit seiner Band auch mal beim Roskilde-Festival in Dänemark gespielt. Aber hieß seine Band Two Niggers & A Honky???
MM: (prustet los vor Lachen) Stimmt schon, so hieß die Band. Und es ist immer schwierig für mich das zu erklären, aber es ist eben einfach seine Art von Humor. Gerade in den USA war es komplett unmöglich mit Journalisten darüber zu reden. Und die Musik ist nicht halb so schlecht, wie der Name vermuten lässt, geht so in die Richtung Rock’n’Roll mit HipHop.

X: Wenn du dir selbst ein Package für eine gemeinsame Tour zusammenstellen könntest, wer wäre alles dabei?
MM: Hmm, ich denke, das wäre Sam Smith, Alanis Morissette und Fiona Apple.
X: Hast du Alanis schon mal kennengelernt?
MM: Nein. Und ich möchte sie auch gar nicht treffen, weil sie nämlich mein Gott ist. Ich hatte schon die Gelegenheit, ich habe es dann aber nicht gemacht, weil ich nicht enttäuscht werden wollte. Ihre Songs waren und sind immer noch und wieder der Soundtrack zu meinem eigenen Leben.
X: Es gibt ja auch einen Film, in dem Alanis die Rolle von Gott spielt …
MM: Stimmt, und die Rolle hätte nicht besser besetzt werden können! (lacht)
X: Und Sam Smith ist so was wie dein Brieffreund, oder?
MM: Stimmt, kann man so sagen. Wir haben uns noch nicht getroffen, aber wir schätzen und schreiben uns.

X: Nächstes Jahr wirst du 30. Ist das ein besonderer Geburtstag für dich, oder ist das alles nicht so wichtig?
MM: Stimmt, ich werde 30 und ich freue mich darauf. Ich genieße die Sachen, die mit dem Alter kommen. Z.B. das Selbstvertrauen oder auch, dass die Geschwindigkeit so ein bisschen rausgenommen wird. Ich muss nicht mehr ständig raus und unter Leute gehen, ich habe nicht mehr das Gefühl, ständig etwas zu verpassen. Nachdem 2014 und der Großteil von 2015 irgendwie sehr „langsam“ war, wird sich das jetzt mit dem neuen Album und den vielen Terminen und Plänen ändern. Blöd ist, dass ich 2016 so viel unterwegs sein werde, und dass, obwohl meine Nachbarn von nebenan jetzt weggezogen sind, ich ihre Wohnung gekauft und die Trennwand rausgerissen habe. Ich hätte jetzt also Platz für eine ordentliche Party … wobei: Vielleicht mache ich die Party und fange erst danach an, alles schön einzurichten!
X: Maria danke fürs Interview, viel Erfolg mit dem Album und viel Spaß bei der Party!


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