Das panische Subjekt in der Krise: Kreiskys "Meine Schuld..."

29.05.2009 - 16:02 Uhr - tu
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Österreich, das Land, in dem ordnungsversessene Nazis ihren Schlitten besoffen vor die Wand knallen, hat zur Zeit eine erfreulich lebendige Musikszene jenseits von Christina Stürmer. Man denke an Petsch Moser oder an Ja, Panik, die voriges Jahr für einige Aufregung sorgten. Wäre übrigens auch ein ganz passender Name für die hier vorgestellte Wiener Band Kreisky.

Kreisky

Kreisky beschießt die ganz großen Themen (also die aus dem Alltag) mit textlichen Großkalibern. In „Glitzer“ zum Beispiel wird eine Urlaubsfahrt in Italien verhandelt, bei der sich die Protagonisten ständig streiten, wenn nicht entfremden. Die Fahrt endet schließlich mit einem durch Konfetti ausgelösten Motorschaden: „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“, gibt der Erzähler zu. Das Schuldbekenntnis der katholischen Liturgie hier zu verwenden, hat etwas unerhörtes, unangemessenes. Und drückt treffend die Erschöpfung des Reisenden aus. Oder in „Dow Jones“, der Geschichte von einer Party, von der man nur noch weg will: „Deine Freundin sagt, sie würde gern Chinesisch sprechen können / um die Leute in China besser zu verstehen / aber leider spricht sie kein Chinesisch / darum wird sie in China die Menschen nie verstehen.“ Das leuchtet zwar ein, macht aber müde. Schließlich fragt der Erzähler verzweifelt „Wann sind wir endlich daheim?“, nur um gleich selbst die traurige Antwort nachzuliefern: „Wir kommen nie heim!!“ Eben ging’s noch um eine Party; plötzlich wird die umfassende Wahrheit übers Leben zum Refrain. Das ist mit einer solchen Wucht vorgetragen, dass einem die Luft wegbleibt. Bald wird Rache genommen: „Mein größter Traum / alle Mädchen laufen mir nach / und ich lasse sie stehn / die dummen Schweine!“ So klingt es, wenn man panischen Subjekten in der Krise eine Gitarre umhängt. „Wir haben keinen Plan!“ heißt es ganz richtig bereits im ersten Stück „Die Motoren“.

Die überspannte Aggresivität erinnert ein wenig an die Texte Jens Rachuts oder die ganz, ganz frühen Blumfeld. Dazu die passende Musik. Die ist hektisch und schrammt immer nahe an der Grenze zum Krach entlang. Das haut gut rein. Jesus Lizard lassen grüßen. Sowas kann man vielleicht nur live einspielen – was ausweislich des Booklets auch getan wurde.

Kreisky ist keine Band für sonnige Tage im Freibad. Und freilich, die Masche, Banalitäten ins Absurde kippen zu lassen und entsprechend aggressiv vorzuführen, ist nicht völlig neu. Aber weil es so erschreckend gut in diese Zeit passt, ist „Meine Schuld...“ die vielleicht erste relevante deutschsprachige Platte des ja auch nicht mehr taufrischen Jahres.

Kreisky - "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld" ist bereits bei Wohnzimmer erschienen.

www.kreisky.net

www.wohnzimmer.com

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